Mittwoch 23. Februar um 18.30 Uhr I Treffen / Lesung mit Cécile Wajsbrot: „Nevermore“

Cécile Wajsbrot „Nevermore“ (2021)

Die Erzählerin in Cécile Wajsbrots neuem Roman, eine Übersetzerin, zieht sich nach Dresden zurück, um "Die Zeit vergeht" zu übersetzen, den zentralen Teil von Virginia Woolfs Der Spaziergang zum Leuchtturm. Während wir ihr dabei zusehen, wie sie nach und nach den Text und die Orte bewohnt und in die Geheimnisse der Übersetzung eintaucht, tauchen die Gespenster, die die fremde Stadt bevölkern, und ihre eigenen inneren Gespenster bald wieder auf und mischen sich in ihre Arbeit. So wird das Thema des kürzlichen Verschwindens einer befreundeten Schriftstellerin, deren Erinnerung sie verfolgt, mit dem Tagebuch verwoben, in dem sie Tag für Tag - wie es wahrscheinlich noch nie zuvor in einer Fiktion geschehen ist - die Überlegungen aufzeichnet, die aus den Versuchen und Zweifeln entstehen, die durch den Fortschritt ihrer Arbeit und den Versuch, sich dem Schaffen einer Schriftstellerin aus einer anderen Zeit in einer anderen Sprache so nahe wie möglich zu nähern, hervorgerufen werden. Die kommentierende Lektüre dieses Textes über die Verwüstung der Zeit und das Leben der Übersetzerin in einer einst vom Krieg verwüsteten Stadt sind eins, sind eng miteinander verbunden, klingen immer wieder aufeinander zurück.

Ähnlich wie in Memorial, in dem sie eine Reise nach Polen auf den Spuren ihrer Familie beschreibt und den Seelen der Toten eine Stimme verleiht, gelingt es Cécile Wajsbrot hier, die plötzlichen Erscheinungen der Freundin, die sie verloren hat, vollkommen richtig und natürlich darzustellen: Man ist verwirrt und gerührt, und die große Leistung des Romans besteht darin, dass dies zu keinem Zeitpunkt erzwungen wirkt. Wie so oft in diesem Werk werden Nebenthemen als Kontrapunkt oder sogar innerhalb der Haupterzählung eingefügt und verstärken deren Resonanz. Ein Beispiel dafür sind die Seiten, die sich mit der High Line in New York beschäftigen, um eine andere Art der Metamorphose durch den Lauf der Zeit heraufzubeschwören. Aber auch andere Leitmotive wären zu nennen: so die Katastrophe von Tschernobyl, die wie eine Beschleunigung der in "Die Zeit vergeht" beschriebenen Verwüstung in größerem Maßstab wirkt; oder, im Gegensatz dazu, ein Thema, das die gesamte Erzählung durchzieht wie ein Abbild der Rolle des Schriftstellers bzw. seiner Übersetzerin: Das der Glocken (und, allgemeiner, der Musik), die vor der bevorstehenden Katastrophe warnen oder, nachdem diese stattgefunden hat, als letzte Reste menschlichen Lebens in den versunkenen Städten fortbestehen.

2016 erhielt Cécile Wajsbrot den Preis der Berliner Akademie, der den geistigen Austausch und den Dialog zwischen Deutschland und Frankreich auf den Gebieten Sprache und Kultur beleben soll. Sie ist eine produktive Autorin, die zwischen Paris und Berlin lebt und rund zwanzig Romane geschrieben hat. Im Juni 2013 wurde sie in den Verwaltungsrat der Maison des Écrivains et de la Littérature (MEL) gewählt und war von Juni 2015 bis März 2017 deren Präsidentin. Als freiberufliche Journalistin hat sie für die Zeitschriften Autrement, Les Nouvelles littéraires und Le Magazine littéraire gearbeitet.

Eintritt frei

Pass sanitaire erforderlich

Informationen und Reservierungen: Centre Franco-Allemand de Provence unter 04 42 21 29 12 oder info@cfaprovence.com.

Organisiert von der Abteilung für Germanistik der Aix-Marseille Universität in Zusammenarbeit mit dem Centre Franco-Allemand de Provence und der Bibliothek Les Méjanes - Allumettes